Claudia C. Bender

Der Blog zum Auftritt

Talkshows statt Parlament

Vor 27 Jahren hatte der Untergang des Abendlandes einen Namen: Mit „Talk im Turm“ begann das Privatfernsehen (SAT.1 für die, die zu jung sind, sich daran zu erinnern), was das öffentlich-rechtliche noch nicht wagte: Politiker sitzen im Kreis, reden miteinander, jede Woche, öffentlich. Ja miteinander. Nicht hintereinander wie im Parlament. Ein Vierteljahrhundert später gibt es jede Woche gefühlt zwei Millionen, real etwas über 60 Talkshows im deutschen Fernsehen, wenn man alle dritten Programme und die mutigen kleinen und digitalen mitzählt. Zahlreiche Kritiker empfinden das viele Fernsehgerede als gar zu viel, aber warum eigentlich? Jeder hat doch eine Fernbedienung. Niemand wird gezwungen, fern zu sehen. Es ist glatt erlaubt, Bücher zu lesen. Selbst Sonntags Abends. Aber für diejenigen, die sich interessieren, die nicht sowieso schon immer wissen, wer was warum vor, im und hinter dem Parlament entscheidet, für die sind Talkshows die beste, wenn nicht die einzige Möglichkeit, Menschen hinter Politikern zu erleben, Argumente zu hören, das Ringen um Entscheidungen mitzuerleben. Wenig ist ehrlicher als der direkte Austausch, der öffentliche Streit. In keinem Format, auf keine andere Weise werden Politiker so nahbar, so menschlich, wie in einer Talkshow –  es sei denn, man geht mit ihnen Bier trinken oder besucht glatt mal eine Bürgersprechstunde. Aber wer will, wer tut das schon?

Übrigens: Damals. Als alles noch besser war. Da hat auch keiner Bundestagsdebatten im Fernsehen geguckt.