Claudia C. Bender

Der Blog zum Auftritt

HIMMEL ODER HÖLLE?

Es kommt auf einen selber an, ob man das Fernsehen als Rampe nach oben nutzt oder als Rutsche nach unten nimmt. Ich sprach darüber mit Georg Streiter, stv. Sprecher der Bundesregierung, und damit berufsbedingt jemand, der aus nächster Nähe manchem auf seinem Weg über die Schulter blickt.

CB: Welche Bedeutung hat das Fernsehen heutzutage für Ihre Arbeit?
GS: Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat einmal gesagt: „Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze.“ In dieser Absolutheit gilt er sicherlich heute nicht mehr – aber natürlich hat das Fernsehen eine ganz zentrale Bedeutung für die politische Kommunikation. Politik und Fernsehen begegnen sich in drei Arten von Sendungen:
Erstens: Nachrichten. Mehr als fünf Millionen Menschen schauen sich jeden Abend die „Tagesschau“ an, mehr als vier Millionen die „heute“-Sendung. Mit einem klugen Statement in den Nachrichtensendungen können Politikerinnen und Politiker sehr wirkungsvoll entweder eine politische Debatte anstoßen oder einer aufkommenden Ereiferung die Wucht nehmen. Hier kommt es darauf an, schnell genug das Richtige zu tun.
Zweitens: Talkshows. Hier wird eine politische Diskussion in der Regel vorgegaukelt. Alles, was da gesagt wird, wurde vorher schon woanders gesagt. Es geht in erster Linie nicht um Politik, sondern um Unterhaltung des Publikums. Mit einer in der Regel klaren Rollenverteilung und mit einem entsprechenden Einladungsverhalten: drei Gäste stehen für ein schreckliches Problem oder ein gutes Projekt, das vielen Menschen nahegeht. Denen ist der Beifall sicher. Für den einen oder die beiden Politiker in der Runde bleibt nur noch die Rolle des bürokratischen Verhinderers. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese Ausnahmen (Thema? Wer sind die anderen Gäste?) gilt es zu entdecken und zu nutzen.
Drittens: Polit-Magazine. Da rate ich jedem, der mich fragt: Finger weg! Kein Kommentar! Jedes Wort kann nicht nur, sondern wird garantiert gegen Sie verwendet. Hier muss bewiesen werden, dass Politiker entweder gar nichts machen oder alles falsch. Da können sie sagen, was sie wollen: alles Mist!

CB: Wie hat das Fernsehen das Verhalten von Politikern in der Öffentlichkeit verändert?
GS: Unterschiedlich: eine kleine Gruppe wird von Kamera und hingehaltenem Mikrofon geradezu magisch angezogen. Auch, wenn vielleicht Schweigen auch mal ganz gut wäre. Ich nenne das immer das Möllemann-Prinzip: egal, was gesendet wird, Hauptsache der Name in der Bauchbinde ist richtig geschrieben. Das sind die Robusten.
Die meisten Politiker, so empfinde ich es jedenfalls, sind da inzwischen aber eher vorsichtig bis ängstlich. Sie fühlen sich unsicher und unterschwellig bedroht. Auf der einen Seite ist ein auch noch so kurzer Auftritt im Fernsehen gut, um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Auf der anderen Seite können sie auf einem hektischen Termin oder auf einem Parteitag nur schwer erkennen, ob ihnen da z.B. jetzt das „heute journal“ oder die „heute show“ gegenüber steht. Wenn sie dann in Richtung der“falschen“ Kamera gesprochen haben, ist es schon um sie geschehen. Da sagen sie dann mal lieber nichts.

CB: Wie sehr entscheidet das Fernsehen über das Wohl und Weh von Politikern?
GS: Das Fernsehen entscheidet das gar nicht. Letztlich sind Politiker immer selbst verantwortlich für ihren Aufstieg ebenso wie für ihr Scheitern. Aber es ist natürlich leider so, dass zunehmend auch Äußerlichkeiten den Erfolg oder Misserfolg beeinflussen. Das Fernsehen entscheidet nicht, aber es verstärkt. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und wenn sich „die Medien“ erst einmal auf jemanden eingeschossen haben, dann hebt das Fernsehen die Rampe noch höher, auf der Politiker gerade ins Rutschen kommen. Ein Musterbeispiel dafür war zum Beispiel der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Der hatte – auch im Fernsehen – immer eine bella figura gemacht. Auf diesen Erfolg hat er sich leider auch verlassen, als er wegen seiner Doktorarbeit in tiefes Wasser geriet. Auch in dieser Situation suchte er die Kamera – und bemerkte gar nicht, dass ihn diese Auftritte immer tiefer in den Abgrund hinabrissen. Denn im Fernsehen funktionieren nur klare und gute Botschaften. Er aber korrigierte immer heute die Aussagen von gestern. Das Fernsehen hat diese Kommunikationskatastrophe jeden Tag in in Farbe und Stereo in jedes Wohnzimmer transportiert. Da war dann irgendwann nichts mehr zu retten. In solchen Fällen ist eben Schweigen Gold. Auch wenn es schwer fällt. Das Fernsehen entscheidet nichts – ist aber ein Katalysator auf dem Weg in den Himmel wie auf dem Weg in die Hölle.