Fernsehen für Arme – oder warum der Live Stream das visuelle Corona Grauen ist

Kann mir bitte mal jemand erklären, warum im Moment fast jeder glaubt, dass digital zwar überhaupt nicht wie analog ist? Gleichzeitig aber fast jeder meint, das Internet mit einer Unmenge an langweiligen Live-Streams zu verstopfen? Diese grauenhaften Veranstaltungen, die so sind, als ob man einen normalen Kongress der vor- und nachcorona Zeit mit einem möglichst langweiligen Bühnenprogramm stundenlang auf einer einzigen Bühne stattfinden lassen würde, am besten dann, wenn alle eingeschlafen sind, den Laden dicht macht und das Publikum direkt zum Ausgang schleust. Ohne Netzwerken, ohne Kontakt, ohne Austausch, gar ohne Essen und Trinken, also ohne all die Dinge, die eine gute Veranstaltung ausmachen. Warum wir da überhaupt hingehen. Aber sie durften Zettel mit Fragen schreiben und in Kollektenbeutel werfen… So ist das nämlich gerade häufig digital: Ein schriftlicher Chat als das höchste der kommunikativen Gefühle – also ob wir in den 90ern wären, wo ein Fax schon der Fortschritt war. Glaubt wirklich irgendjemand, dass das reine Ansehen eines Live-Streams im Homeoffice irgendjemanden vom Ausräumen der Spülmaschine abhält. Oder vom Mailen, vom Netflixgucken, vom Telefonieren oder gar vor dem Einschlafen? Doch ganz sicher nicht. Reine Frontbeschallung geht bei Igor Lewit vielleicht – und selbst der twittert fast noch nebenbei fleißig mit seinen Fans. Der Live-Stream eines langweiligen Podiums, einer zu langen Rede, einer eintönigen Expert*innenrunde ist noch nicht gleich das Ende der Transformation oder die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie einer Organisation. Auch nicht in der Pandemie. Und schon gar nicht die Übersetzung guter analoger Veranstaltungen ins Digitale. Und das heutzutage, wo die Videokonferenz bereits erfunden, das Netz selbst in Ostholstein und der Computer an so gut wie jedem Arbeitsplatz angelandet ist. 

Somit möchte ich ein Plädoyer halten für all die Vorzüge des Digitalen. Für all die Möglichkeiten, die dem virtuellen Event innewohnen. Auch wenn es nie so sein wird wie in einer realen Veranstaltung mit Händeschütteln, anstoßen, Aerosolen aus dem Weg gehen oder gemeinsam vor der Tür rauchen. Aber das gegenseitige Sehen, miteinander sprechen, sich austauschen, lachen, Kontakte knüpfen und diskutieren, das funktioniert – vernünftig geplant und organisiert – doch überaus wunderbar auch aus dem Homeoffice heraus. Auch im Rahmen von großen Veranstaltungen. Auch im Rahmen von virtuellen Kongressen, von digitalen Messen, von Tagungen und Diskussionen. Statt Frontbeschallung ist Einbindung wichtig. Noch viel mehr als im realen Leben – denn die Klarheit des gemeinsamen verdienten Kaltgetränks nach all dem schweren Inhalt des Kongresstages ist gewiss. Nicht so im Digitalen. Hier muss Austausch gut moderiert sein, hier muss Einbindung organisiert, Ansprache und Mitsprache ermöglicht und moderiert werden. Aber dann bleiben die Leute bei der virtuellen Stange, sind aktiv, nehmen mit und wahr. Fühlen sich dabei, gar näher dran an Referent*innen, Diskutanten, den Stars der Bühne, als sonst. Vor dem Laptop ist jeder gleich. Barrieren fallen, weil jeder in der ersten Reihe sitzt. Für den reinen Konsum gibt es das Fernsehen. Warum nun so viele Veranstalter ihre Redner und Referent*innen in schrecklich schlecht ausgeleuchteten, schiefen Dekoelementen in Kameras sprechen zu lassen, ohne dass diese wüssten, wie das geht, wo das Publikum ist, ohne Gefühl für Timing, Unterhaltung ist doch wirklich verwunderlich. Schlechte Redner werden doch nicht besser, nur weil statt Publikum eine Kamera vor ihnen steht. Eher wird anders ein Schuh draus. Viel schwieriger ist es, viel schwerer fällt es den meisten – selbst guten Rednern – in ein totes Objektiv zu starren und dabei noch unterhaltsam, spannend, lustig, anregend zu sein. Viel herausfordernder ist das. Viel anstrengender, ungewohnter, irritierender. Deswegen wird ja auch nicht jeder Fernsehmoderator oder Kabarettist oder Thomas Gottschalk. Will auch nicht jeder sein, aber deswegen gleich das Publikum quälen? Was soll diese Manie des Livestreams, wenn der Event so spannend ist wie ein paar eingeschlafene Hausschuhe. Warum glaubt jeder, nur weil es technisch geht, man müsste Anne Will nachspielen – aber natürlich nur mit einem Zehntel des Budgets. Und komisch: Es sieht dann auch gar nicht wie bei Anne Will aus. Es gucken auch gar keine 6 Millionen, obwohl es doch fast Fernsehen war. Merkwürdig. Aber keiner fragt sich warum? Weil gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist. Weil die Sehgewohnheiten der User heutzutage mindestens auf dem Niveau der Hessenschau sind, aber nicht mehr auf dem der Diashow des Nachbarn. Mit Camcordern wird ja auch kein Hollywoodfilm gedreht.  

Nun aber genug gemeckert und gewundert: Digitale Veranstaltungen jeglicher Größe können inhaltlich so gut wie jede analoge Veranstaltung sein, jede*r Redner*in kann online so gut wie auf einer Bühne sein. Jeder Witz so schlecht wie am Stammtisch. Und auf jeden Fall können digitale Events genauso interaktiv sein, genauso anregend, genauso kollaborativ wie echte, reale Tagungen, Kongresse, Debatten, Workshops – wenn man das denn zulässt. Wenn man es vernünftig organisiert. Wenn man es richtig moderiert. Mehr ist hier nämlich angebracht. Mehr Interaktion. Mehr Räume. Mehr Proben. Mehr direkte Ansprache. Mehr Mut.