WENN DER NETZSEGEN SCHIEF HÄNGT ODER DER WEIHNACHTSMANN AUS DEM ROUTER KOMMT…

Weihnachtsgeschenke im Internet kaufen, das machen wir alle seit Jahren. Mal mehr mit schlechtem Gewissen wegen der riesigen Kartonmüllberge nach jeder Bestellung und sei sie noch so winzig. Mal weniger, weil der deutsche Einzelhandel von einem amerikanischen Lieferservice auf dem Konsumaltar geopfert wird. Außer wir stehen mitten im Laden und finden dank schlechtem Service, unfreundlicher oder nicht vorhandener Verkäufer*in oder der Tatsache, dass die richtige Größe des auserwählten Stücks nur online zu bestellen ist, nur im Netz unser Kaufglück. Doch wer hätte damit gerechnet, dass wir nicht mehr nur die Deko für die Adventszeit im Netz kaufen, sondern auf einmal im Internet herumsitzen und überlegen wie wir den Besuch auf dem abgesagten Weihnachtsmarkt kompensieren, wie wir die ausfallende Weihnachtsfeier ersetzen, wie wir Gänseessen, Glühweintrinken und Geschenksegen im Kreise von guten Freuden, netten Kolleg*innen und der lieben Familie gar kontaktlos und besonders aerosolfrei hinbekommen.

„Doch nicht per GOTOTEAMSMEETSZOOMMISTWEBEX“, schreit jede und jeder sofort. Pause vom Homeoffice zuhause? Weihnachten unterm Baum mit den Großeltern via Videokonferenzsystem: Kinn von unten, Nadeln von oben, die ganze Stille Nacht aus der Konserve. Igor Levit in Turnschuhen. Das leise Wiegen der Hutschenreutherkugeln als INSTA-Story. Wo soll das noch hinführen? Endlich Ruhe oder macht hoch die Tassen, die Gläser voll. Kein Streit, kein Stress, kein Zwist unterm Baum. Niemand muss planen, wer wohin fährt, keiner ist beleidigt, dass erst die Schwiegereltern, dann die Eltern oder gar umgekehrt besucht werden müssen. Statt Eis auf der Autobahn Sahne im Baileys. Ist das wirklich alles so schlimm wie alle – öffentlich – tun?

Ich weiß es nicht. Manch einer wird froh sein, diesmal gar keine Ausrede zu brauchen, um das Fest mit der Familie zu umgehen oder mit Kolleg*innen zwanghaft lustig wichteln zu müssen. Nicht jeder mag Glühwein, Lebkuchen, Marzipan, gar Gans oder #ichhasserotkohl. Für viele andere ist der Dezember der schönste Monat im Jahr. Reminiszenz an die Kindheit. Erinnerungen an Nadelduft. Lustige Abstürze mit auf einmal doch ganz netten Kolleg*innen. Das Kind in der Krippe. Der Stern am Himmel. Die Rituale der immer wiederkehrenden Gewissheit. Mitten im herrlichen Unsinn zwischen Rentieren und Rosenkohl, zwischen Lebkuchenherzen und Lametta suchen wir Sinn und Besinnung. Nur in diesem Jahr nicht? Wer weiß das schon.

Alles wird anders sein. Bestimmt. Wenn Adventsfeiern zur Virusschleuder werden, wenn sich der Weihnachtsbesuch bei den Eltern zur Gefahr für Leib und Leben entwickelt, dann geht die Leichtigkeit verloren, schwindet die Vorfreude, gar der Frohsinn, vor allem die Zuversicht des immer noch gut gegangenen. Obacht, Vorsicht und Achtsamkeit werden in diesem Jahr Feiern und Feste ersetzen. Eine schwere Zeit. Für alle. In jeder Hinsicht.

Nutzen wir die Zeit also. Die viele Zeit, die auf einmal da ist, wenn man nirgendwo mehr hinkann. Zur Besinnung. Zur Wertschätzung. Zur Erinnerung an all die Jahre, wo die Anzahl der Geschenke mehr über den Wert des Festes aussagte als die Freude über das Zusammensein. Wo die Feier im Team eher lästig war und das Weihnachtskonzert der Drittklässler eine Tortur für die Ohren. Nutzen wir also diese viele Zeit. Lernen wir wertschätzen, was seit diesem Jahr gar nicht mehr so normal und selbstverständlich ist wie vorher: Die Reisen irgendwohin, die Feiern egal mit wem, das Tanzen bis zum Umfallen. Und machen wir aus dieser Zeit das Beste. Videokonferenzen sind schrecklich? Nein. Vor 10 Jahren noch hätten wir uns nur am Telefon treffen können. Dann hätte ich seit dem 10. März 2020 keine 20 fremden Menschen mehr gesehen. Hätte ich im Sommer meinen Laden dicht machen können. Und ganz sicher keinen Gedanken daran verschwendet, wie sich Weihnachtsfeiern digital umsetzen lassen. Ob der Weihnachtsmann durch den Router passt. Oder auf welchem Weg der Gottesdienst am Heiligen Abend virtuell zu den Großeltern kommt.

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Claudia C. Bender ist Geschäftsführerin der Fulmidas Medienagentur GmbH und Akademieleiterin der FRONTFRAUEN Akademie für Frauen in Führungspositionen. Seit März 2020 hat sich die Anzahl ihrer Dienstreisen diametral zur Anzahl ihrer Aktivitäten im Netz entwickelt. Mit ihren Kolleg*innen begleitet und betreut sie digitale und hybride Veranstaltungen, führt digitale Medien-, Krisen- und Auftrittstrainings durch und entwickelt kreative Lösungen für virtuelle Tagungen, Konferenzen, Seminare und Weihnachtsfeiern.